Wiener, Oktober 1990, p.12-14

David Lynch

Gefahr lauert hinter jeder Ecke

Text: Rolling Stone, Photo: Outline

David Lynch schockiert im Interview genauso wie mit seinen Filmen. Er ist unglaublich offen! David Breskin fragt ihn zu Sex und Gewalt, zu Leben und sterben.

David Lynch wurde 1946 in Missoula, Montana geboren. Sein Erstlingswerk "Die Großmutter" handelte von einem verstörten, von seinen Eltern mißhandelten kleinen Bettnässer, der sich heimlich eine liebevolle Großmutter aus einem Samenkorn züchtet.

Bis zu seinem 30. Geburtstag lebte Lynch in den Tag hinein: Er malte, trug das "Wall Street Journal" aus, sammelte Müll, sezierte Tiere, ließ sich scheiden, rauchte, schlürfte Milchshakes und saß brütend im Lehnstuhl.

1977 schuf er mit "Eraserhead", einer angenehm widerlichen Orgie der Ängste, seinen ersten abendfüllenden Spielfilm. Im Vergleich dazu schien "Der Elefantenmensch" geradezu elegant und subtil, wenn nicht gar sentimental. "Dune - Der Wüstenplanet" war Lynchs bislang einzige Bauchlandung, dafür gilt "Blue Velvet" als einer der originellsten und aussdrucksstärksten Filme der 80er Jahre. Sein neuer Film "Wild at Heart" ist seit dem 20. September im Kino.

Das folgende Interview entstand in zwei langen Gesprächen im Sommer dieses Jahres in Manhattan und Hollywood.

WIENER: Sie sagten mal, Ihre Eltern hätten weder geraucht noch getrunken und nie miteinander gestritten, und deswegen hätten Sie sich für sie geschämt. Ihnen wäre es lieber gewesen, wenn sich mal was getan hätte.

LYNCH: Ich erinnere mich an meine Familie wie an Werbefotos aus den 50er Jahren: Eine gut angezogene Frau holt frischen Apfelkuchen aus dem Ofenrohr - mit einem ganz bestimmten Lächeln im Gesicht. Ein lächelndes Ehepaar geht gemeinsam den Gartenpfad vor seinem Haus entlang. Dieses 'Lächeln' dominierte meine Kindheit. Aber ich wünschte mir, daß irgendetwas passieren würde - Sie wissen schon, so ein richtig schwerer Unfall, nach dem man ganz allein dasteht und von allen Leuten bemitleidet wird. Es war wie ein netter Traum.

WIENER: Rechneten Sie schon als Kind immer mit dem Schlimmsten? Sind Sie deshalb so mißtrauisch?

LYNCH: Es gibt immer zu viele Möglichkeiten, daß irgendetwas schiefgeht - und darüber kann man sich am laufenden Band Sorgen machen. Es gibt so viele Dinge, die falsch laufen und so viele Menschen, die sich auf seltsame, schreckliche Dinge einlassen. Ich erzähle Ihnen mal, was ich in Philadelphia erlebt habe. Ich war in meiner Wohnung im dritten Stock eines Mietshauses und strich alle Zimmer schwarz. Meine damalige Frau Peggy bugsierte den Kinderwagen, in dem unsere einjährige Tochter Jennifer schlief, die Eingangstreppe hinunter. Auf der anderen Straßenseite ging eine große Familie zu einer Taufe. Plötzlich kam eine Straßengang angerannt und ging auf die Familie los. In dieser Familie gab es einen Sohn im Teenageralter, der versuchte die anderen zu schützen. Die Gang schlug ihn zusammen und schoß ihm in den Hinterkopf. Solche Dinge verpesten die Atmosphäre und machen sie bedrückend. Die Gefahr lauert hinter jeder Straßenecke.

WIENER: Schaffen Sie es, mit diesen Dingen zu leben?

LYNCH: Naja, man lebt einfach so vor sich hin. Aber man begreift auch, daß man eigentlich verdammt viel Glück hat, wenn man überhaupt vor sich hin leben darf.

WIENER: Sind Sie denn schon glücklich, wenn Sie bloß so vor sich hin leben?

LYNCH: Sex macht mich glücklich. Sex ist ein eindeutiges Signal dafür, daß das Leben lebenswert ist. Heute vermag ich das ganz große Reich des Sex zu übersehen - alle unterschiedlichen Stufen von reiner Lust zum beängstigenden, gewalttätigen Sex, bis zum echten, spirituellen Sex als Gegenpol. Das ist der Schlüssel zu einem fantastischen Geheimnis in meinem Leben.

WIENER: Aber Ihre Filme vermitteln eher den Eindruck, daß man den fleischlichen Gefühlen nicht trauen darf.

LYNCH: Nun ja. Ich glaube, daß es so etwas wie Vertrauen nicht gibt, bevor eine Person nicht eine ganz bestimmte Entwicklungsstufe erreicht hat.

WIENER: Und welche Entwicklungsstufe wäre das?

LYNCH: Es unterschiedliche Stadien menschlicher Entwicklung, viele verschiedene Grade des Bewußtseins. Am Ende dieser Entwicklung könnte man sich einen Menschen vorstellen, der über ein vollkommenes Bewußtsein verfügt und wirklich alle Karten auf den Tisch legt. Erst wenn man alle Karten auf den Tisch legen kann, ist man ziemlich vertrauenswürdig.

WIENER: Wieviele Karten legen Sie auf den Tisch?

LYNCH: Keine Ahnung, aber es sind auf keinen Fall 52.

WIENER: Ich würde gerne über einige Elemente Ihrer Arbeit reden, die in praktisch allen Ihren Filmen vorhanden sind. Sie scheinen besessen zu sein von Obsessionen.

LYNCH: Ja, das ist mir klar.

WIENER: Als Sie für "Blue Velvet" die Szene drehten, in der Frank Dorothy mißhandelt und vergewaltigt, haben Sie sich halb totgelacht. Kam Ihnen die Szenen irgendwie komisch vor?

LYNCH: Ich fand es einfach irrsinnig komisch. Frank war völlig besessen. Wie ein Hund im Pralinengeschäft. Er konnte sich einfach nicht anders helfen und ist voll drauf abgefahren. Diese Besessenheit war so schrecklich und so furchtbar und so bedrückend und so gewalttätig, daß Humor einfach ein Teil davon sein mußte.

WIENER: Verlieren Sie auch manchmal die Kontrolle?

LYNCH: Oh, absolut. Man macht sich oft vor, daß man die Kontrolle über irgend etwas hat. Es ist schon ein Geschenk, wenn man ein kleines bißchen von diesem Gefühl mitkriegt. So viele Dinge auf einmal können einem glatt den Boden unter den Füßen wegreißen.

WIENER: Haben Sie Angst, wenn Sie die Kontrolle verlieren?

LYNCH: Große Angst. Und ich kann nichts dagegen tun.

WIENER: Ein anderer zentraler Punkt in Ihren Arbeiten ist Grausamkeit. Körperliche und seelische Mißhandlung. Woher kommt das?

LYNCH: Keine Ahnung. Das kann eine Menge verschiedener Gründe haben. Mehr und mehr betrachte ich Filme als etwas, das sich völlig von anderen Realitäten unterscheidet. Sie sind wie Märchen oder Träume. In meinen Augen sind Filme weder ein politischer Kommentar, noch haben sie irgendeine erzieherische Funktion. Aber sie sollten bestimmten Regeln gehorchen - und eine dieser Regeln ist Kontrast. Es darf keine flache, gerade Linie aus reinem Glück geben. Da schlafen die Leute doch ein. Also gibt es Konflikte und Kämpfe um Leben und Tod. Ich liebe deshalb Krimis. Ich finde sie absolut faszinierend, weil sie rätselhaft sind und von Leben und Tod erzählen. Und wenn man ein Hotel reinbringt oder eine Fabrik, dann finde ich das noch viel aufregender.

WIENER: Sie wissen also nicht, woher Ihre Vorliebe für Grausamkeiten kommt?

LYNCH: Nein. Ich bin kein mißhandeltes Kind, ich habe auch nie zugesehen, wie jemand gefoltert wurde. Also ist es entweder Zufall oder der Grund dafür liegt woanders.

WIENER: Sie haben Leben und Tod erwähnt. Alle Ihre Filme enthalten Geburtsszenen (oder die Abstraktion davon) und Todesszenen. In "Wild at Heart" ist die Geburtsszene gleichzeitig eine Todesszene - eine Abtreibung. Unser Beginn und unser Ende scheint das wichtigste Thema überhaupt für Sie zu sein.

LYNCH: Absolut. Für lange Zeit, und wahrscheinlich auch jetzt noch, war der Gedanke an Geburt etwas Mysteriöses, etwas Fantastisches wie Sex. Der Gedanke an Geburt hat mit Fleisch und Blut und Haaren zu tun und mit dem Gefühl des Lebens und mit Spiritualität. Da geht zuviel vor sich, als daß man nicht davon fasziniert sein müßte.

WIENER: Lassen Sie uns über ein kitzliges Thema reden: die Stellung der Frau in Ihren Filmen. Für "Blue Velvet" wurde[n] Sie angegriffen...

LYNCH: Weil die Leute Dorothy für die Frau an sich anstatt einfach für Dorothy halten. Wenn Dorothy für die Frau an sich steht, macht der ganze Film keinen Sinn mehr. Er wäre völlig verkehrt, und die Leute regten sich zurecht darüber auf.

WIENER: Lassen Sie uns noch ein bißchen konkreter werden. In "Wild at Heart" und "Blue Velvet" sind Frauen ständiger körperlicher Bedrohung ausgesetzt. Und sie lassen sich bis zu einem gewissen Grad zu Komplizen dabei machen. Sie suchen die Schuld immer beim Opfer.

LYNCH: Ich weiß, wovon Sie reden. Aber es läuft immer wieder darauf hinaus, daß meine Filmfiguren nicht die Frau an sich darstellen. In dieser Welt gibt es jede Menge Möglichkeiten, gibt es Milliarden verschiedener Geschichten.

WIENER: Das Ende Ihrer Filme ist immer ein Lobgesang auf die erlösende Kraft der Fantasie. Man spürt fast Ihr kindhaftes Bedürfnis nach der Fantasie. Man spürt fast Ihr kindhaftes Bedürfnis nach der Fantasie als rettendem Engel.

LYNCH: Ja. Ich glaube, alles besitzt eine innerer Wahrheit, und man muß nur an einen Punkt kommen, wo man sie sehen, leben und fühlen kann. Dieser Punkt ist, glaube ich, noch sehr, sehr weit entfernt. Und bis dahin gibt es Leid und Dunkelheit und Verwirrung und Absurdität, und die Leute drehen sich immer irgendwie im Kreis. Das Leben ist ein seltsamer Maskenball: es macht sehr viel Spaß, aber es tut auch sehr weh.

WIENER: Gibt es nur Dunkelheit und Verwirrung?

LYNCH: Alles ist relativ. Ich würde sagen, daß diese Welt vielleicht nicht der hellste Ort ist, an dem man sein kann.

WIENER: In "Wild at Heart" wird der Ekel vor dieser Welt häufig thematisiert. Erbrochenes ist ein immer wiederkehrendes Motiv.

LYNCH: Ich komme einfach nicht los davon!

WIENER: Es gibt auch nicht wirklich viele Filme, in denen sich sowohl Mutter als auch Tochter erbrechen!

LYNCH: Ja, das ist eine echt starke Nummer. Schon allein dafür rentiert sich die Eintrittskarte.

WIENER: Und die Fliegen, die im Hotel über das Erbrochene krabbeln?

LYNCH: Das ist meine Lieblingseinstellung!

WIENER: Das ist wirklich Ihre Lieblingseinstellung?

LYNCH: Ich mag sie.

WIENER: Sie sagten mal, daß die Filme Ihre Ängste gleichzeitig enthüllen und verbergen. Trifft das immer noch zu?

LYNCH: Ja. Oh ja. Wenn man sich auf Intuition verläßt, dann ist das nicht wirklich rauszufiltern. Wenn man erst einmal anfängt, alles zu intellektualisieren - oder mit dem Psychiater darüber zu reden -, dann kann man bloß noch sagen: "Oh Gott, Mann, das ist wirklich übel! Ich will nicht, daß die Leute so was von mir denken!" Deswegen ist es besser, wenn man nicht allzu genau weiß, was die Dinge bedeuten: man hätte zuviel Angst davor, sie einfach geschehen zu lassen.

WIENER: Haben Sie sich nie einer Psychoanalyse unterzogen?

LYNCH: Naja, einmal bin ich hingegangen. Menschen haben Verhaltensmuster, und ich wollte von eins von meinen mehr herausfinden.

WIENER: Fanden Sie dieses Verhaltensmuster beunruhigend?

LYNCH: Für mich und andere.

WIENER: Selbstzerstörerisch?

LYNCH: In gewisser Weise, ja. Also beschloß ich, zu diesem Psychiater zu gehen. Ich mochte den Mann. Wir saßen in seinem Büro und redeten ein bißchen, und ich fand es irgendwie interessant. Plötzlich hatte ich diese Idee: Wie wäre es, wenn man jemanden nur dafür bezahlt, einfach zuzuhören, ohne ein Urteil zu fällen? Man müßte doch großartige Ideen dabei entwickeln! Und mehr als das: Wie wäre es denn, wenn dieser Jemand - aus rein technischen Gründen von der Sache fasziniert - einen immer weiter drängt? Ich fand das echt cool. Dann fragt ich den Psychiater, ob das meine Kreativität negativ beeinflussen könnte - und er sagt "vielleicht". Und das war´s dann. Ich begriff, daß man schlafende Hunde nicht wecken darf, sonst - man weiß nicht, was alles passieren könnte.

WIENER: Gibt es Dinge, die Sie beunruhigen?

LYNCH: Oh ja, viele Dinge beunruhigen mich. Ich kann Ihnen verraten, was mich zur Zeit beunruhigt. Es liegt wieder was in der Luft. Der Verfall, den ich spüre, breitet sich schneller aus als das Wachstum.

WIENER: Na ja, sogar die Luft verrottet.

LYNCH: Sicher. Alles bricht viel schneller zusammen als wir es aufbauen oder reparieren können. Diese Seite der Natur wird gewinnen. Und das ist unsere eigene Natur.