David Lynch
Gefahr lauert
hinter jeder Ecke

Text:
Rolling Stone, Photo: Outline
David Lynch schockiert
im Interview genauso wie mit seinen Filmen. Er ist unglaublich offen!
David Breskin fragt ihn zu Sex und Gewalt, zu Leben und sterben.
David Lynch wurde
1946 in Missoula, Montana geboren. Sein Erstlingswerk "Die Großmutter"
handelte von einem verstörten, von seinen Eltern mißhandelten
kleinen Bettnässer, der sich heimlich eine liebevolle Großmutter
aus einem Samenkorn züchtet.
Bis zu seinem 30.
Geburtstag lebte Lynch in den Tag hinein: Er malte, trug das "Wall
Street Journal" aus, sammelte Müll, sezierte Tiere, ließ
sich scheiden, rauchte, schlürfte Milchshakes und saß brütend
im Lehnstuhl.
1977 schuf er mit
"Eraserhead", einer angenehm widerlichen Orgie der Ängste,
seinen ersten abendfüllenden Spielfilm. Im Vergleich dazu schien
"Der Elefantenmensch" geradezu elegant und subtil, wenn nicht
gar sentimental. "Dune - Der Wüstenplanet" war Lynchs bislang
einzige Bauchlandung, dafür gilt "Blue Velvet" als einer
der originellsten und aussdrucksstärksten Filme der 80er Jahre. Sein
neuer Film "Wild at Heart" ist seit dem 20. September im Kino.
Das folgende
Interview entstand in zwei langen Gesprächen im Sommer dieses Jahres
in Manhattan und Hollywood.
WIENER:
Sie sagten mal, Ihre Eltern hätten weder geraucht noch getrunken
und nie miteinander gestritten, und deswegen hätten Sie sich für
sie geschämt. Ihnen wäre es lieber gewesen, wenn sich mal was
getan hätte.
LYNCH: Ich erinnere
mich an meine Familie wie an Werbefotos aus den 50er Jahren: Eine gut
angezogene Frau holt frischen Apfelkuchen aus dem Ofenrohr - mit einem
ganz bestimmten Lächeln im Gesicht. Ein lächelndes Ehepaar geht
gemeinsam den Gartenpfad vor seinem Haus entlang. Dieses 'Lächeln'
dominierte meine Kindheit. Aber ich wünschte mir, daß irgendetwas
passieren würde - Sie wissen schon, so ein richtig schwerer Unfall,
nach dem man ganz allein dasteht und von allen Leuten bemitleidet wird.
Es war wie ein netter Traum.
WIENER:
Rechneten Sie schon als Kind immer mit dem Schlimmsten? Sind Sie deshalb
so mißtrauisch?
LYNCH: Es gibt immer
zu viele Möglichkeiten, daß irgendetwas schiefgeht - und darüber
kann man sich am laufenden Band Sorgen machen. Es gibt so viele Dinge,
die falsch laufen und so viele Menschen, die sich auf seltsame, schreckliche
Dinge einlassen. Ich erzähle Ihnen mal, was ich in Philadelphia erlebt
habe. Ich war in meiner Wohnung im dritten Stock eines Mietshauses und
strich alle Zimmer schwarz. Meine damalige Frau Peggy bugsierte den Kinderwagen,
in dem unsere einjährige Tochter Jennifer schlief, die Eingangstreppe
hinunter. Auf der anderen Straßenseite ging eine große Familie
zu einer Taufe. Plötzlich kam eine Straßengang angerannt und
ging auf die Familie los. In dieser Familie gab es einen Sohn im Teenageralter,
der versuchte die anderen zu schützen. Die Gang schlug ihn zusammen
und schoß ihm in den Hinterkopf. Solche Dinge verpesten die Atmosphäre
und machen sie bedrückend. Die Gefahr lauert hinter jeder Straßenecke.
WIENER:
Schaffen Sie es, mit diesen Dingen zu leben?
LYNCH: Naja, man lebt
einfach so vor sich hin. Aber man begreift auch, daß man eigentlich
verdammt viel Glück hat, wenn man überhaupt vor sich hin leben
darf.
WIENER:
Sind Sie denn schon glücklich, wenn Sie bloß so vor sich hin
leben?
LYNCH: Sex macht mich
glücklich. Sex ist ein eindeutiges Signal dafür, daß das
Leben lebenswert ist. Heute vermag ich das ganz große Reich des
Sex zu übersehen - alle unterschiedlichen Stufen von reiner Lust
zum beängstigenden, gewalttätigen Sex, bis zum echten, spirituellen
Sex als Gegenpol. Das ist der Schlüssel zu einem fantastischen Geheimnis
in meinem Leben.
WIENER:
Aber Ihre Filme vermitteln eher den Eindruck, daß man den fleischlichen
Gefühlen nicht trauen darf.
LYNCH: Nun ja. Ich
glaube, daß es so etwas wie Vertrauen nicht gibt, bevor eine Person
nicht eine ganz bestimmte Entwicklungsstufe erreicht hat.
WIENER:
Und welche Entwicklungsstufe wäre das?
LYNCH: Es unterschiedliche
Stadien menschlicher Entwicklung, viele verschiedene Grade des Bewußtseins.
Am Ende dieser Entwicklung könnte man sich einen Menschen vorstellen,
der über ein vollkommenes Bewußtsein verfügt und wirklich
alle Karten auf den Tisch legt. Erst wenn man alle Karten auf den Tisch
legen kann, ist man ziemlich vertrauenswürdig.
WIENER:
Wieviele Karten legen Sie auf den Tisch?
LYNCH: Keine Ahnung,
aber es sind auf keinen Fall 52.
WIENER:
Ich würde gerne über einige Elemente Ihrer Arbeit reden, die
in praktisch allen Ihren Filmen vorhanden sind. Sie scheinen besessen
zu sein von Obsessionen.
LYNCH: Ja, das ist
mir klar.
WIENER:
Als Sie für "Blue Velvet" die Szene drehten, in der Frank
Dorothy mißhandelt und vergewaltigt, haben Sie sich halb totgelacht.
Kam Ihnen die Szenen irgendwie komisch vor?
LYNCH: Ich fand es
einfach irrsinnig komisch. Frank war völlig besessen. Wie ein Hund
im Pralinengeschäft. Er konnte sich einfach nicht anders helfen und
ist voll drauf abgefahren. Diese Besessenheit war so schrecklich und so
furchtbar und so bedrückend und so gewalttätig, daß Humor
einfach ein Teil davon sein mußte.
WIENER:
Verlieren Sie auch manchmal die Kontrolle?
LYNCH: Oh, absolut.
Man macht sich oft vor, daß man die Kontrolle über irgend etwas
hat. Es ist schon ein Geschenk, wenn man ein kleines bißchen von
diesem Gefühl mitkriegt. So viele Dinge auf einmal können einem
glatt den Boden unter den Füßen wegreißen.
WIENER:
Haben Sie Angst, wenn Sie die Kontrolle verlieren?
LYNCH: Große
Angst. Und ich kann nichts dagegen tun.
WIENER:
Ein anderer zentraler Punkt in Ihren Arbeiten ist Grausamkeit. Körperliche
und seelische Mißhandlung. Woher kommt das?
LYNCH: Keine Ahnung.
Das kann eine Menge verschiedener Gründe haben. Mehr und mehr betrachte
ich Filme als etwas, das sich völlig von anderen Realitäten
unterscheidet. Sie sind wie Märchen oder Träume. In meinen Augen
sind Filme weder ein politischer Kommentar, noch haben sie irgendeine
erzieherische Funktion. Aber sie sollten bestimmten Regeln gehorchen -
und eine dieser Regeln ist Kontrast. Es darf keine flache, gerade Linie
aus reinem Glück geben. Da schlafen die Leute doch ein. Also gibt
es Konflikte und Kämpfe um Leben und Tod. Ich liebe deshalb Krimis.
Ich finde sie absolut faszinierend, weil sie rätselhaft sind und
von Leben und Tod erzählen. Und wenn man ein Hotel reinbringt oder
eine Fabrik, dann finde ich das noch viel aufregender.
WIENER:
Sie wissen also nicht, woher Ihre Vorliebe für Grausamkeiten kommt?
LYNCH: Nein. Ich bin
kein mißhandeltes Kind, ich habe auch nie zugesehen, wie jemand
gefoltert wurde. Also ist es entweder Zufall oder der Grund dafür
liegt woanders.
WIENER:
Sie haben Leben und Tod erwähnt. Alle Ihre Filme enthalten Geburtsszenen
(oder die Abstraktion davon) und Todesszenen. In "Wild at Heart"
ist die Geburtsszene gleichzeitig eine Todesszene - eine Abtreibung. Unser
Beginn und unser Ende scheint das wichtigste Thema überhaupt für
Sie zu sein.
LYNCH: Absolut. Für
lange Zeit, und wahrscheinlich auch jetzt noch, war der Gedanke an Geburt
etwas Mysteriöses, etwas Fantastisches wie Sex. Der Gedanke an Geburt
hat mit Fleisch und Blut und Haaren zu tun und mit dem Gefühl des
Lebens und mit Spiritualität. Da geht zuviel vor sich, als daß
man nicht davon fasziniert sein müßte.
WIENER:
Lassen Sie uns über ein kitzliges Thema reden: die Stellung der Frau
in Ihren Filmen. Für "Blue Velvet" wurde[n] Sie angegriffen...
LYNCH: Weil die Leute
Dorothy für die Frau an sich anstatt einfach für Dorothy halten.
Wenn Dorothy für die Frau an sich steht, macht der ganze Film keinen
Sinn mehr. Er wäre völlig verkehrt, und die Leute regten sich
zurecht darüber auf.
WIENER:
Lassen Sie uns noch ein bißchen konkreter werden. In "Wild
at Heart" und "Blue Velvet" sind Frauen ständiger
körperlicher Bedrohung ausgesetzt. Und sie lassen sich bis zu einem
gewissen Grad zu Komplizen dabei machen. Sie suchen die Schuld immer beim
Opfer.
LYNCH: Ich weiß,
wovon Sie reden. Aber es läuft immer wieder darauf hinaus, daß
meine Filmfiguren nicht die Frau an sich darstellen. In dieser
Welt gibt es jede Menge Möglichkeiten, gibt es Milliarden verschiedener
Geschichten.
WIENER:
Das Ende Ihrer Filme ist immer ein Lobgesang auf die erlösende Kraft
der Fantasie. Man spürt fast Ihr kindhaftes Bedürfnis nach der
Fantasie. Man spürt fast Ihr kindhaftes Bedürfnis nach der Fantasie
als rettendem Engel.
LYNCH: Ja. Ich glaube,
alles besitzt eine innerer Wahrheit, und man muß nur an einen Punkt
kommen, wo man sie sehen, leben und fühlen kann. Dieser Punkt ist,
glaube ich, noch sehr, sehr weit entfernt. Und bis dahin gibt es Leid
und Dunkelheit und Verwirrung und Absurdität, und die Leute drehen
sich immer irgendwie im Kreis. Das Leben ist ein seltsamer Maskenball:
es macht sehr viel Spaß, aber es tut auch sehr weh.
WIENER:
Gibt es nur Dunkelheit und Verwirrung?
LYNCH: Alles ist relativ.
Ich würde sagen, daß diese Welt vielleicht nicht der hellste
Ort ist, an dem man sein kann.
WIENER:
In "Wild at Heart" wird der Ekel vor dieser Welt häufig
thematisiert. Erbrochenes ist ein immer wiederkehrendes Motiv.
LYNCH: Ich komme einfach
nicht los davon!
WIENER:
Es gibt auch nicht wirklich viele Filme, in denen sich sowohl Mutter als
auch Tochter erbrechen!
LYNCH: Ja, das ist
eine echt starke Nummer. Schon allein dafür rentiert sich die Eintrittskarte.
WIENER:
Und die Fliegen, die im Hotel über das Erbrochene krabbeln?
LYNCH: Das ist meine
Lieblingseinstellung!
WIENER:
Das ist wirklich Ihre Lieblingseinstellung?
LYNCH: Ich mag sie.
WIENER:
Sie sagten mal, daß die Filme Ihre Ängste gleichzeitig enthüllen
und verbergen. Trifft das immer noch zu?
LYNCH: Ja. Oh ja.
Wenn man sich auf Intuition verläßt, dann ist das nicht wirklich
rauszufiltern. Wenn man erst einmal anfängt, alles zu intellektualisieren
- oder mit dem Psychiater darüber zu reden -, dann kann man bloß
noch sagen: "Oh Gott, Mann, das ist wirklich übel! Ich will
nicht, daß die Leute so was von mir denken!" Deswegen ist es
besser, wenn man nicht allzu genau weiß, was die Dinge bedeuten:
man hätte zuviel Angst davor, sie einfach geschehen zu lassen.
WIENER:
Haben Sie sich nie einer Psychoanalyse unterzogen?
LYNCH: Naja, einmal
bin ich hingegangen. Menschen haben Verhaltensmuster, und ich wollte von
eins von meinen mehr herausfinden.
WIENER:
Fanden Sie dieses Verhaltensmuster beunruhigend?
LYNCH: Für mich
und andere.
WIENER:
Selbstzerstörerisch?
LYNCH: In gewisser
Weise, ja. Also beschloß ich, zu diesem Psychiater zu gehen. Ich
mochte den Mann. Wir saßen in seinem Büro und redeten ein bißchen,
und ich fand es irgendwie interessant. Plötzlich hatte ich diese
Idee: Wie wäre es, wenn man jemanden nur dafür bezahlt, einfach
zuzuhören, ohne ein Urteil zu fällen? Man müßte doch
großartige Ideen dabei entwickeln! Und mehr als das: Wie wäre
es denn, wenn dieser Jemand - aus rein technischen Gründen von der
Sache fasziniert - einen immer weiter drängt? Ich fand das echt cool.
Dann fragt ich den Psychiater, ob das meine Kreativität negativ beeinflussen
könnte - und er sagt "vielleicht". Und das war´s
dann. Ich begriff, daß man schlafende Hunde nicht wecken darf, sonst
- man weiß nicht, was alles passieren könnte.
WIENER:
Gibt es Dinge, die Sie beunruhigen?
LYNCH: Oh ja, viele
Dinge beunruhigen mich. Ich kann Ihnen verraten, was mich zur Zeit beunruhigt.
Es liegt wieder was in der Luft. Der Verfall, den ich spüre, breitet
sich schneller aus als das Wachstum.
WIENER:
Na ja, sogar die Luft verrottet.
LYNCH: Sicher. Alles
bricht viel schneller zusammen als wir es aufbauen oder reparieren können.
Diese Seite der Natur wird gewinnen. Und das ist unsere eigene Natur.
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