tip Filmjahrbuch Nr. 5

David Lynch 


Wild at Heart (Contra) 


"Wild at Heart" kam nach Cannes mit großen Vorschußlorbeeren in die Kinos. Doch nicht alle, weder beim Publikum noch bei der Kritik, teilten die Begeisterung der Premierenbesucher. Der Film war umstritten. Im TIP wurde diese Kontroverse aufgegriffen.  Es gab zwei Texte zum Film. Das Publikum sollte am Ende entscheiden. Und es blieb gespalten 

von Wolfgang Brenner 






Seit Cannes steht eine Branche kopf. Leute, die sich das ganze Jahr über in den Haaren liegen, liegen sich plötzlich in den Armen. Die lange entbehrte
Eintracht ist ausgebrochen. Die atemlosen Transmissions-Agenten zwischen dem Geld und der Kritik gaben hinter vorgehaltener Hand die Parole aus - und
die Journaille parierte. Man hat aus dem Batman-Desaster gelernt: Mit einer Materialschlacht ist die sensible Kritik nicht zu nehmen. Also lud man sie, Mann
für Mann, von den Ecktischchen der obligates Festivaltreffs in verschwiegene Hotelzimmer, steckte ein Tape von Lynchs TV Serie "Twin Peaks" in den
Schacht und legte den Zeigefinger auf die Lippen. Derart gebauchpinselt strömten die Einzelkämpfer nach allen Richtungen aus, um ihr ganz individuelles Urteil
über "den Film der neunziger Jahre" (und das Mitte 1990) enthusiastisch zum Allgemeingut zu erheben. Eine Legende ist geboren, bevor sie besichtigt werden
konnte: "Wild at Heart". 

"Wild at Heart" ist nicht "Batman". Lynch ist nicht Tim Burton. Er ist ein Künstler, der alle paar Jahre unter seines Obsessionen zusammenbricht und Schrott
abliefert, so als brauche er die zyklischen Niederlagen wie eine Schocktherapie. Die letzte Dosis war "Der Wüstenplanet". Davor gab es große kleine Filme
wie "Eraserhead" und "Der Elefantenmensch", ein Kraftakt der Humanität. Mit "Blue Velvet" wurde David Lynch den Makel des überschätzten Schmuddelkindes los. Wir feierten einen Film, der alle Erwartungen enttäuschte. Lynch tat immer das, was man im Kino eben nicht tut· Er ließ den Menschen von Lumberton Dinge passieren, die er nicht erklärte. In einem Kino, in dem nichts unausgesprochen und ungezeigt bleibt, wirkte "Blue Velvet" wie der Einbruch der Wirklichkeit in eine Idylle. 

"Wild at Heart" sieht so aus, als hätte ein pickliger Student eine strukturalistisch angehauchte Magisterarbeit über das Lebenswerk David Lynchs geschrieben,
Lynch sie in die Hände bekommen und mit seiner Hilfe Wild at Heart" gedreht. An diesem Film ist nichts neu, alles ist eine in die Länge gezogene Abhandlung
zum Thema "Was war toll an "Blue Velvet'?" Also sieht man geschlagene zwei Stunden lang Feuer in allen Variationen; von der glimmenden Zigarette über 
das aufflammende Zündholz bis zum ausgewachsenen Buschfeuer. Das hat natürlich seinen Grund. Lulas Papa wurde nämlich im Auftrag der ruchlosen
Ehefrau abgefackelt, und ihr geliebter Sailor fuhr dabei den Wagen der Erfüllungsgehilfen. Die Schwiegermutter in spe fürchtet, daß er plaudert, seit er mit
ihrer Tochter zusammen ist, und trachtet ihm nach dem Leben. Das ist auch schon alles, dazwischen flackert es unentwegt, und wilde Tiere brüllen sich im Off
die Seele aus dem Leib. "Blue Velvet" eben, nur einen Zacken schärfer, nochmal mit Pepp für alle, die es damals nicht mitbekommen haben.
"Wild at Heart" ist die ewige Wiederkehr des Gleichen, düstere Untiefen der menschlichen Seele in bekannten Bildern: Fungierte der blutrote Lippenstift in
"Blue Velvet" noch als zaghaftes Symbol für die Verquickung von Schmerz und Sex, wenn Dennis Hopper sein Opfer damit malträtierte, bevor es Prügel
bezog, so schmiert sich die Spinne Marietta in "Wild at Heart" gleich von Kinn bis zum Scheitel damit zu, als sei sie in der Sesamstraße. Und nicht genug
damit: Harry Dean Stanton muß sich von der behinderten Killerin auch nochmal schminken lasses, bevor er ins Gras beißt. Zugegeben: Keiner versteht so gut
wie David Lynch, die Ikonen der populären Kultur durch bloße Huldigung zu diffamieren. Laura Dern ist eine Augenweide, die Inkarnation des Vamps aus
dem Wendehammer, das Kleid kürzer als der Gürtel, die Tittchen immer optimal im Bild, die Hinterbacken zucken wie Froschschenkel, sie stöckelt über
blutrünstige Tatorte als stolziere sie über die Dorfkirmes. Und erst Nicolas Cage: Lynch kitzelt aus ihm die ganze epochale Debilität einer noch einmal auf die
Schwarte Elvis Presley fixierten Generation heraus.

Nur möchte Lynch gefälligst auch von der Zuneigung der Youngster profitieren, wenn er schon mit einem schnieken Couple aufwartet. Also wird das Klischee erst kräftig entzaubert, um dann wieder inthronisiert zu werden. Sailor und Lula fahren ins Glück, mit einem Filius wie aus der Milupa-Werbung. Lynch fällt hinter seine eigene Leistung zurück, aber  die Sympathie des jungen und des sich für jung haltenden Publikums ist ihm sicher. Nichts ist langweiliger, als den Leuten nach dem Mund zu filmen.

Auch was den Drall seiner Deformationen angeht, möchte Lynch mittlerweile den Applaus von der falschen Seite. Genügte ihm früher ein fauliges Ohr im
Gras, um den ganzen Film am Kochen zu halten, müssen heute Köpfe großkalibrig gegen Hauswände knallen, gerät ihm eine harmlose Notwehr- zum
Blutrausch mit Gehirngarnitur und sind seine Road-Runner gezwungen, zwischen langatmigen Sentenzen über den Verlust der Eltern öfter mal anzuhalten, um
drastisch drapierte Unfallopfer zu begutachten. Der dezente Horror ist Lynch nicht mehr zugkräftig genug, derb muß es sein, damit das Blut auch in die letzte
Reihe spritzt. Wenn ich das sehen will, hole ich mir ein hundsgewöhnliches Splatter-Video aus der Videothek.

Lynch hat mir vor einigen Jahren in einem Interview gesagt, er denke sich keine Geschichten aus, er produziere unentwegt eigentümliche Bilder und
entwickelte erst dann einen Zusammenhang, der erzählbar ist. Die dünne Story von "Wild at Heart" läßt er sich also nicht vorwerfen. Aber was hat es mit den
Eigentümlichkeiten auf sich? "Wild at Heart" ist eine Gebetsmühle psychoanalytischer Standardsymbole, der Film funktioniert wie ein auf der Stelle tretender
Repetierapparat: immer wieder die gleichen Erinnerungen, dann eingeschnitten, wenn der Dialog in der Sackgasse steckt: Feuer und Flamme, schlimme
Fratzen, die Farbe Rot im Gesicht und am Kostüm, der Teufel guckt um die Ecke, die Unschuld schüttelt sich. 

Natürlich werden die Aficionados des amerikanischen Kinos sich nicht einkriegen vor Entzücken und dieses Kopfnicken als ein Zitat des späten John Ford
oder jenen Schnitt als typische Finte des modernen Action-Kinos identifizieren. Mal ganz abgesehen davon, daß im Kino unentwegt genickt und geschnitten
wird, so fügt Lynch weder dem gängigen Repertoire etwas Neues hinzu, noch gelingt es ihm, das Déjà-vu-Karussell mit einem Qualitätssprung zu stoppen.
So bleibt sein "Wild at Heart" bei aller Anhänglichkeit an die jüngste Filmgeschichte ein Kompendium abgestandener Kineme. Lynch hat mit seinem Leporello
auch nur bei Gleichgesinnten Erfolg. Wer im Kino mehr sieht als eine Abfragemaschine für blutarme Kinomanen, wird den Schlagschatten an Realität
vermissen, den auch die Parodie und die Reminiszenze brauchen, um glaubwürdig zu sein.  David Lynch ist mit "Wild at Heart" sein eigener Epigone geworden. Damals sagte Lynch noch etwas anderes, was ich nie vergessen werde: Man muß jemandem nur zu verstehen geben, in einem anderen Raum sei etwas, was er nicht sehen dürfe, er wird nichts mehr wollen, als in diesen Raum zu gelangen. Das sei das Geheimnis seines Kinos. In "Wild at Heart aber ist die Welt mit Brettern zugenagelt, alle tun bloß so, als sei hinter dem bunten Feuerwerk das Geheimnis, aber dahinter ist nur gähnende Leere - Langeweile.

"Wild at Heart", USA 1990; B u. R.: David Lynch; K: Frederick Elmes; S: D. Dunham; colas Cage, Laura Dern, Willem Dafoe, Isabella Rossellini; Farbe, 124 Minuten.