Rheinischer Merkur; 10.8. 1990


David Lynchs Film "Wild at Heart", der in Cannes die Goldene Palme bekam


Liebe wie im Werbespot

"Warum wollen die Leute um jeden Preis einen Sinn in der Kunst finden, währende sie widerstandslos akzeptieren, daß es ihn im Leben nicht gibt?" In diesem Satz ist die ganze Philosophie des Filmregisseurs David Lynch zusammengefaßt. Er setzt Sinnlosigkeit voraus - genau das macht dann auf der Leinwand alles möglich: Bei ihm wachsen die verrücktesten, unerwarteten, gefährlichen Blüten der Phantasie mitten im grauen Sumpf des langweiligen Alltags. Das war schon 1985 in "Blue Velvet" so, wo Lynch den Irrungen einfacher Gemüter in einem amerikanischen Provinznest mit voyeuristischem Kamerablick folgte. Und das wiederholt sich jetzt in seinem bilderbuchbunten Filmmärchen "Wild at Heart", das die Sinne der Jury in Cannes in diesem Jahr offenbar derart heftig verwirrte, daß man ihm die "Goldene Palme" zusprach - trotz der Skandale, die manche Kritiker, aufrichtig empört und gerade deswegen entschieden werbewirksam, in den heftigen Gewalt- und den etwas dezenter fotografierten Sexszenen erkennen wollten. Die Geschichte ist so simpel wie ein Hausmärchen: Lula (Laura Dern) - tanzwütiger Teenie mit blendender Figur - kommt aus gutem Hause und verliebt sich unsterblich in Sailor (Nicolas Cage), einen Elvis-Fan mit Schlangenleder-Jacke. Das Problem: Lulas Mutter mag den jungen Mann nicht, weil er einen dunklen Punkt in ihrer Vergangenheit kennt. Sie hetzt ihm den einen oder anderen Killer auf den Hals, schließlich sogar beide. Lula und Sailor fliehen - zwei Glückskinder in einer bitterbösen Welt, die sie fast entzweit. Doch schlußendlich kommt fahrplanmäßig die gute Fee; man liebt sch wie zuvor, und Sailor darf endlich "Love me tender" singen. Einfältig? Mag sein, es ist aber erstaunlich, was David Lynch aus dieser Einfach-Story herausholt. Da wimmelt es von Hinter- und Untergründigem; das Leben hat einen doppelten Boden, und knapp unter der Oberfläche lauert der grelle Wahnsinn, der nicht nur Lulas Mutter befallen hat, sondern auch sonst in ihrer Familie seine Opfer gefordert hat. Da wird nicht viel erklärt - Lynch setzt mit viel Erfolg auf assoziative, suggestionsstarke Bilder: Emotionen werden zu Flammenwänden, Gewalt mit geradezu gerichtsmedizinischer Detailfreude bis über die Grenze des Erträglichen ausgelebt, und wenn Lula mit Sailor im Bett liegt, spielt nicht nur die Perspektive verrückt. Lynch gewinnt zusammen mit seinem Kameramann Frederick Elmes der Realität unerwartete, schockierende Bilder ab, die er ebenso unerwartet schneidet: Halbtotalen gegen riesige Makroaufnahmen, komplizierte Kamerafahrten, schnelle Schnittfolgen. Zusammen mit der verfremdend ästhetisierenden Beleuchtung (etwa dem Licht der untergehenden Abendsonne) erreicht er die Ultra-Wirklichkeit von Werbespots, in der die Welt längst in handliche, hübsche und verführerische Klischees zerlegt ist. Das riecht nach Marlboro, wenn auf wilden Sex der entspannte Griff zur Zigarette folgt; ganze Südstaaten-Dörfer scheinen nur für eine Whisky-Werbung gebaut; da laufen Jeans-Typen herum und Ray-Ban-Sonnenbrillen-Träger. Die Highways sind frei für Cadillacs, die Wüste flimmert wie für Coke-Reklame, die Disco-Szenen erinnern an Musik-Videos. Lynch macht sich auch im Erzählen, zugegeben perfekt, die zerstückelnde Sichtweise der Werbefilmer zu eigen, indem er kleinste Episoden zeigt. Vielleicht ist "Wild at Heart" der erste Film so ganz im Zeitgeist der neunziger Jahre: ein postmodern geklittertes Bildermärchen aus schillernden, verlogenen Versatzstücken einer unbegreifbaren Konsumwelt, die ihren Sinn längst verloren zu haben glaubt. Nur die Teenies träumen unbelehrbar weiter von Lederjacken, Disco, Freiheit und der großen Liebe.
Hans Juergen Fink

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