Vom Feuer gestreichelt, geliebt, umworben
"Wild at Heart", David Lynchs Film über Sailor und Lula
Alles oder nichts: Der Film verlangt den vollen Einsatz vom Zuschauer, physisch wie geistig; eine Intensität an Emotionen und Erregung, die die Unterschiede schwinden läßt zwischen Zuwendung und Abneigung, zwischen Liebe und
Haß, zwischen Himmel und Hölle. So daß ihm nichts übrig bleibt, als sich ganz auf jede
einzelne Einstellung einzulassen, denn in der nächsten wird alles wieder anders sein. Alles oder nichts - das bedeutet: Der Streit zwischen zwei Männern muß so hitzig werden, daß er nur mit Totschlag enden kann; und die Liebe zweier eifersüchtiger Frauen - zum selben Mann heißer als Asphalt in Georgia oder kälter als der Tod. An Reibungen entzündet sich die Phantasie der Figuren und der Zuschauer, Reibung zwischen den Körpern und zwischen den Bildern, und den Bildern und den Tönen: Wenn sie sich vereinigen im Akt der Montage, in Schnitt und Überblendung. Wenn immer wieder sekundenschnell Flash-backs aufflammen und wie Sternschnuppen wieder verglühen.
Trip in Autosuggestion
Im Feuer der Leidenschaften verbrennt der Film seine ganze Geschichte; es geht ihm nicht mehr, wie so oft im Kino, um die Liebe bis zum Wahnsinn, sondern um den Wahnsinn in den Vorstellungen von der Liebe. "Ich liebe dich", hatte seinerzeit Paul Eluard geschrieben in einem seiner berühmten Briefe an Gala, "ich möchte dich auf mir haben, um zu wissen, ob ich existiere. Ich wünsche mir, daß du ganz nackt deine Beine um
mich schlingst, mich auf die Brust küßt und masturbierst." Wie gerade die allgemeinsten Begriffe und Ideen die heftigsten Empfindungen auslösen, davon handelt auch der Film von David Lynch: eine Studie in Autosuggestion. Alles oder nichts: Das bedeutet eine absolute Liebe, eine Liebe im luftleeren Raum. Nicht ganz zwei Jahre saß Sailor (Nicolas Cage) wegen Totschlags in einer Bewährungsanstalt, nun ist er mit Lula (Laura
Dern) on the road, und Lulas eifersüchtige Mutter, die Hexe Marietta (Diane
Ladd), hetzt gleich mehrere Männer hinter den beiden her, den Detektiv Farragut (Harry Dean Stanton) und den Mafioso Santos (J. E.
Freeman) und den schwarzen Engel Bobby Peru (Willem Dafoe). Eine Verfolgung, die ganz einseitig funktioniert, nicht nach den Genreregeln von Aktion und Reaktion, denn das Paar ist nur auf sich konzentriert, und seine Fahrt ist weder Flucht noch Jagd nach dem unbekannten Land jenseits des Regenbogens.
Peanut, hatte Sailor noch zu Lula gesagt, ich will mit dir nach Kalifornien abhauen. Aber dann war es doch nicht direkt in den Westen gegangen, ins verheißene Land der Pioniere, sondern erst mal in den Süden hinunter, nach New Orleans und Big
Tuna, Texas. Eine Fahrt in ein Land, wo die Zeit aufhört zu vergehen, wo die Bilder in Zeitlupe vibrieren. Die Stagnation ist, wie immer bei Lynch, der wahre Horror, das Leben, das an Bewegung verliert: eine leere Hotelhalle, wo nichts sich regt als ein müde staubsaugender Mann, ein Rangierbahnhof, in dem nicht einmal der Wind noch sein Spiel treibt, ein trostloses Texas-Motel, in dessen Hof drei fette nackte Huren sich wiegen. Einmal macht das Paar in der Wüste am Rand des Highway Halt und tanzt im wirbelnden Staub zur Musik von
Powermad. Die Kamera erfaßt die beiden in einer Totalen, steigt empor und schiebt sie sanft aus dem Bild, bis oben die Abendsonne erscheint, im Verglühen begriffen wie ein Zigarettenstummel. Von diesem Punkt an nimmt der Film das Tempo zurück, reduziert das Accelerando seiner Montage.
Körper-Ideogramme
Die Liebe ist ein Feuer in diesem Film, sie verzehrt sich restlos jeden Augenblick, und der Film geht Bild für Bild an die eigene Substanz. "Das Wechselspiel von Tag und Nacht, das Spiel von Licht und Schatten bietet oberflächliche und vorübergehende Aspekte", schrieb
Gaston Bachelard in seiner Psychoanalyse des Feuers, "dem stehen, beim Feuer, substanzielle Veränderungen gegenüber: Was das Feuer berührt, schmeckt dem Menschen anders im Mund. Was vom Feuer ausgestrahlt wurde, behält eine unauslöschliche Farbe. Was vom Feuer gestreichelt, geliebt, umworben wurde, behält ewige Erinnerungen und hat die Unschuld verloren." Wild at Heart, das ist Beschwörung und Verzweiflung in einem, eine überzeitliche Formel, die die Liebenden stimuliert zu ihren Posen der fünfziger Jahre. Sie kennen keine Körpersprache mehr, sie senden nur noch Signale: wenn Laura
Dern, ganz Baby Doll, ihren Körper zurückbiegt, den Kopf hochgereckt und den Mund vorgeschoben, oder wenn Nicolas Cage, ganz Jimmy Dean, die geballte Faust von sich streckt. Hier wird der Körper zum Ideogramm. Wie Sailor mit seinen Vorbildern umgeht, mit Marlon Brando ("die Schlangenlederjacke ist Symbol
meiner Individualität und meines Glaubens an die persönliche Freiheit") und Elvis, dessen Lieder er zärtlich nachsingt, das hat durchaus etwas naiv Lächerliches. David Lynchs Inszenierung benutzt keine Metaphern, sie macht vielmehr ihre Mechanik sichtbar, die Arbeit der Verdichtung. Alles oder nichts: Gerade weil sie inspiriert sind von den ungreifbarsten Ideen, sind diese Bilde und Töne so kompakt wie wenig sonst im amerikanischen Kino. Lynch filmt, was sein könnte, die Ahnung drohender Gefahr: nicht die Dinge selbst, sondern ihre Atmosphäre, ihre Aura. Willem Dafoe und Isabella Rossellini, sie sind hier nicht Verkörperungen des grundlos Bösen, sondern der Lust am Bösen. Erst jenseits von Gut und Böse finden wir die wahren Lynch-Helden, die ewigen Kinder und Narren. In diesem Film ist das Lulas Cousin Dell (Crispin
Glover), der immer so grantig wurde, weil man ihm sagte, im Juli sei`s noch nicht Zeit für Santa Claus, und der sich ständig verfolgt fühlte von Außerirdischen mit schwarzen Gummihandschuhen und einmal eine ganze Nacht lang Sandwiches schmierte, einen ganzen Küchentisch voll. Der womöglich selbst ein Außerirdischer war und eines Tages plötzlich verschwand. In einer wunderschönen winzigen Einstellung hat man ihn, gleichsam als Probe für diesen entscheidenden Schritt, vor dem Gartenzaun auf einem Fuß balancieren sehen. Schade, daß er nicht zum Zauberer von Oz ging, meint
Sailor, als Lula ihm davon erzählt, der hätte ihm sicher geholfen. Man sieht, er hat noch wenig begriffen: Dell nämlich kann und muß in keiner Weise geholfen werden.
Fritz Göttler
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