cinema 9 / 1990
Wild at Heart
Standing Ovations in Kinos, Buh- und Bravorufe bei der Preisverleihung. David Lynchs neuer Film gewann bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes die Goldene Palme. Und stieß auf leidenschaftliche Begeisterung und leidenschaftliche Ablehnung

 

 

Der Ganove Bobby Peru (Willem Dafoe) stolpert. Hart schlägt der Kolben seines Gewehrs auf den Boden. Da löst sich der Schuß. "Oh" - ein erschrecktes Seufzen geht durch das "Grande Auditorium" in Cannes, als sich der Kopf vom Körper löst und nach oben aus dem Bild geschleudert wird. Die Angestellten der Bank, die Bobby und Sailor (Nicolas Cage) gerade überfallen, krabbeln angeschossen auf dem Boden herum. "Wo ist meine Hand?" stöhnt einer und hebt einen blutigen Armstumpf hoch. "Ah!" - erneut hält das Kinopublikum den Atem hörbar an, als ein Hund mit der blutverschmierten Hand im Maul aus der Bank trabt. Da zischt es plötzlich, und mit einem dumpfen Aufprall landet der abgeschossene Kopf des Gangsters so hart auf dem Boden, daß der Unterkiefer abbricht. "Oh!" Wie in einem Fußballstadion pflanzt sich der Schock in einer Welle durch den Zuschauerraum, vom Parkett bis in den höchsten Rang, fort.

Regisseur David Lynch, der schon mit seinem Film "Blue Velvet" die Abgründe der menschlichen Seele brutal auslotete, geht es auch diesmal nicht um vordergründige Horror-Effekte. Sondern um skrupellose Ehrlichkeit im Erzählen. Er stößt die Zuschauer mit unerbittlicher Drastik hinein in die zerstörerischeIntensität einer Geschichte.

Einer kleinen, schmutzigen, banalen Geschichte. Der Freak Sailor liebt die Blondine Lula (Laura Dern). Daß paßt ihrer Mutter (Diane Ladd, auch im Leben Lauras Mutter) aber nicht. Sailor erschlägt im Affekt einen Mann. Als er aus dem Gefängnis herauskommt, wartet Lula auf ihn. In einem roten Cabrio fliehen die beiden: vor Lulas Mutter, vor Sailors Vergangenheit, vor ihrer Zukunft. Die Richtung ist klar: immer dem grauen Band des Highways hinterher. Mehr braucht David Lynch nicht, um den bisher packendsten Film der 90er Jahre zu inszenieren. Auf ihrer Fahrt erleben die beiden Liebenden Himmel und Hölle. Liebe und Haß. Tod und neues Leben. Begegnen dem Gangster Bobby Peru und dessen verwirrender Komplizin Perdita Durango (Isabella Rossellini). Begegnen sich selbst. Suchen Glück und finden Entsetzen.

Das erste große Liebespaar des Neunziger-Jahre-Kinos scheitert - erst einmal. Wenn sie später wieder zueinanderfinden und Sailor für Lula "Love Me Tender" singt, dann ist Lynch auch hier provokant gefühlig bis zur Unerträglichkeit. Er hat die Verstörung des Zuschauers, diese große Qualität des Kinos wiederentdeckt. Diese Verstörung, die nur dann funktioniert, wenn man das bisher Machbare schonungslos weitertreibt, die Emotionen exzessiv weiterquält. Große zerstörerische Gefühle. David Lynch filmt Leidenschaft.

sisch