Tagesspiegel 20.9.90

Von einem Hexenmeister gebraut
David Lynchs Film "Wild at Heart"

Lula und Sailor - zwei Comicfiguren auf ihrer Reise durch das Land des Zauberers von Oz, das gleichzeitig auch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, der guten und bösen Hexen, der endlosen Highways und gelbstichigen Sonnenuntergänge ist. Die Grenzen zwischen Realität, Märchen und traum waren hier noch nie eindeutig auszumachen. In David Lynchs brandheißem Festivalschocker - der Film wurde zum Ärger mancher Kritiker in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet - fallen sie dem lodernden Feuer wilder Herzschläge vollständig zum Opfer. Immer wenn sich Lula und Sailor eine Zigarette anzünden, entfachen sie einen Weltenbrand, bei dem das Banale als hochaufschlagende Flamme mythische Gewalt erhält, und dies, obwohl oder gerade weil das großformatige Bild einer entzündeten Zigarette an Werbeästhetik kaum zu überbieten ist. Stärker noch als in "Blue Velvet" erweist sich Lynch als Alchimist konzentrierter Kinoextrakte, die er mit lässiger Gebärde so hochdosiert verabreicht, daß die Sucht nicht ausbleiben kann. 

In diesem Hexenmeistergebräu mischen sich Nervenbalsam mit Aphrodisiaka und wütenden Aufputschmitteln, Hollywoods Gefühlsduselei mit Keulenschlägen und der spröden Ironie des unabhängigen amerikanischen Films. Lynch zerbricht die Klischees nicht, er destilliert und genießt sie, gewürzt mit einer Prise unwägbarer Anarchie. Wenn Lula (Laura Dern), die Barbiepuppe mit dem schlampigen hochroten Mund, ihrem Sailor (Nicolas Cage) eine Schlangenlederjacke schenkt und er sich mit diesem Kleidungsstück, das ihn ein Stück näher zu Elvis bringt, seine Individualität anzieht, wenn sich die beiden unterhalten, als hätten sie beim Singen von Fünfziger-Jahre-Liebeschnulzen sprechen gelernt, erscheinen sie trotz allem nicht wie Abziehbilder, sondern unschuldig wie ein erstes mythisches Liebespaar auf der Flucht vor dem Sündenfall. Auch wenn bereits das Ozonloch klafft und die Tankstellen unverbleites Benzin verkaufen, Lula und Sailor bewegen sich auf dem Traumteppich der fünfziger Jahre. Wenn sie manchmal stolpern, dann nur, weil Lulas Mutter (Diane Ladd), diese Hexe kindlicher Alpträume, dieses gealterte Badgirl, das sich mit Ganoven umgibt, die die Patina einer Kinowelt der dreißiger und vierziger Jahre tragen, wie eine böse Schlange ihr Gift versprüht und ein unglaublich schmieriger Lippenbärtchenträger (Willem Dafoe) mit zweifelhaften Angeboten lockt. Aber auch das gehört zum Prinzip Märchen. Die schöne Isabella Rossellini mit dem Gesicht einer Kosmetikreklame, von Lynch wieder einmal auf ihre ordinäre Schlagseite gekippt, kann dazu nur verdorben lächeln.
Sabine Carbon

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