Die Woche 11.4. 1997

Lost Highway

"Lost Highway", so kündigt der Regisseur an, "ist eine psychogene Fuge, die Geschichte eines Mörders, der unter akuter Schizophrenie leidet." Das Werk beginnt auf vertraut-verstörtem Terrain: Fred Madison (Bill Pullmann) hegt Zweifel an der Treue seiner Gattin Renee (Patricia Arquette). Als Videos auftauchen, die beide im Schlaf zeigen, dreht Madison durch. Obwohl er sich an keine Tat erinnern kann, wird er später wegen Mordes an seiner Frau verurteilt. In der Todeszelles sitzt eines Morgens allerdings ein anderer Mann. In einer eher simultanen als linearen Erzählweise nutzt Lynch die Transformation vom alternden Künstler Madison zum juvenilen Handwerker Pete Dayton (Balthazar Gatty), um eine spiegelverkehrte Vorgeschichte zum Mord zu präsentieren, die eventuell aber nur in Madisons Kopf existiert. "Lost Highway" wird so zu einer Art meditativer Spirale, die Themen wie Identität und Verdrängung behandelt. Sie wird in gewohnt berückend schönen Bildern dargeboten und wäre brillant, wollte Lynch seine irreale Konstruktion am Schluß nicht in Form eines rational geschlossenen Kreises zwängen. Außerdem erliegt er dem Hang zur Selbstreferenz mit Zitaten zu "Eraserhead", "Blue Velvet" und "Wild at Heart" sowie unnötiger Verrätselung, wenn fast alle auftauchenden Zahlen in der Quersumme die magische Sieben ergeben. Plump eingesetzte Musik besorgt dann den traurigen Rest.

Helmut Ziegler