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Was David Lynchs Filme bislang überwiegend auszeichnete, ist die unkonventionelle Erzählweise, das Spiel mit unbewußten Ängsten und nicht ausgelebten Wünschen, mit Visionen und
Voyeurismus, mit fremden Welten und Metamorphosen, die seine Protagonisten durchmachen müssen. Wahrscheinlich entdeckte der am 20. Januar 1946 in Missoula, Montana, als Sohn eines Agrarwissenschaftlers geborene David Keith Lynch bereits als Kind, daß sich unter der Oberfläche der Dinge eine ganz andere Welt befindet, als er tote Tiere auseinandergenommen hatte. Hinzu kam, daß die ersten Filme, die der junge Lynch gesehen hatte - u.a. zwei Kleinstadtdramen namens "Wait Till The Sun Shines, Nellie" (1952) und "A Summer Place" (1959) - ein Spiegelbild seiner eigenen Umgebung waren, nämlich Hollywood-Variationen seines eigenen Provinzmilieus, wie Lynch sie auf seine ganz eigene Weise in der Kultserie "Twin Peaks" (1989/90), aber schon 1986 in dem voyeuristischen Thriller "Blue Velvet" zeichnete. "Blue Velvet" war zugleich der Beginn der äußerst fruchtbaren, weit über das normale Regisseur-Komponisten-Arbeitsverhältnis hinausgehenden Zusammenarbeit zwischen David Lynch und dem 1937 geborenen Angelo Badalamenti, der erst über einige Umwege zur Filmmusik kam. "Natürlich ist 'Blue Velvet' eines der großen psychologischen Dramen unserer Zeit. Der Film ist brilliant in der Studie von psychologischen Effekten von Leuten, die wir von außerhalb betrachtet so faszinierend finden", erzählt mir Badalamenti. "Ich denke, um die Verrücktheit und Tiefe eines so bösartigen Charakters wie Frank Booth und auf der anderen Seite die unglaubliche Reinheit und Unschuldigkeit des jungen Mannes und des jungen Mädchens musikalisch zu beschreiben, versuchte ich, eine dunkle Schönheit auszudrücken. Dafür steht der Song 'Mysteries Of Love' in seiner Reinheit und Unschuld im Gegensatz zu der ganzen Welt außerhalb. Musikalisch gesehen konstruierten wir einen Konflikt, weil wir mit ihm beide Welten zusammenbrachten." |
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Mit der fruchtbaren Zusammenarbeit bei "Blue Velvet" wurde schließlich eine magisch funktionierende Beziehung zwischen David Lynch und Angelo Badalamenti geknüpft, die bis heute für beide Parteien eine ganz besondere Bedeutung besitzt. "David kennt sich mit Gefühlen sehr gut aus. Er beschreibt Stimmungen, die einen auf dunkle, wunderschöne Art und Weise berühren", meint Badalamenti. David Lynch beschrieb die Zusammenarbeit mit seinem Hauskomponisten einmal so: "Angelo Badalamenti hat mich mit der Welt der Musik vertraut gemacht. Er schreibt die Musik und ich die Texte. Wir unterhalten uns über die Atmosphäre, die Worte beeinflussen die Melodie und umgekehrt. Das zählt zu den glücklichsten Erfahrungen, die ich in meinem Leben gemacht habe. Es war, als bliebe die Zeit stehen. Aus der Arbeit an der Musik ziehe ich die Inspiration für die Regie." Mit der 1989 begonnenen Fernsehserie "Twin Peaks" kamen David Lynch und Angelo Badalamenti erneut zusammen. "David beschrieb die Stimmungen für 'Twin Peaks': 'Wir sind in den dunklen Wäldern, der Wind weht sehr mild, und außerhalb des Waldes hat das wunderschöne Mädchen eine Vision, und die Dunkelheit wandelt sich zu einer betörenden Melodie, die einen Höhepunkt erreicht, abschwillt und wieder in den dunklen Wäldern verschwindet.' Allein mit dieser Beschreibung setzte ich mich ans Keyboard, während David neben mir saß, und ich spielte ihm die ganze Einführung und das 'Laura Palmer Theme' vor, Note für Note, allein auf seinen Worten basierend" erinnert sich Badalamenti, der seine Ausführungen stets mit einigen netten Anekdoten zu schmücken versteht. "Er sprach sehr langsam und weich, was eine Inspiration für mich war, und ich verstand, um was für eine Welt es sich handelte. Als David es hörte, meinte er, das wäre es. Ich hätte gerade eines der wichtigsten Themen für die ganze Serie komponiert. Das war der Grundstein für unsere Beziehung, daß wir einander verstanden. Ich war in der Lage, die Musik zu schreiben, die seinen Visionen entsprach. Die Musik hat immer einen Bezug zu der Unschuld in solchen Szenen. Sie arbeitet immer gegen das, was eigentlich tatsächlich passiert. Insofern spielt sie eine enorm wichtige Rolle. Ich denke, wir beide, David und ich, arbeiten musikalisch gern gegen das, was zu sehen ist. Bei all den Konflikten, der Gewalt und der Rohheit ist die Musik der totale Gegensatz zu dem, was gerade vorgeht. Für mich ist das sehr aussagekräftig, weil es die Gegensätze, die Positionen deutlich macht." Voller Gegensätze ist auch der Soundtrack zu David Lynchs neuem Film "Lost Highway", der wie bei "Wild at Heart" (1990) speziell vom Regisseur ausgesuchte Songs und Teile des Instrumental-Scores von Angelo Badalamenti verbindet. Da gibt David Bowie zum Anfang und zum Ende zwei editierte Versionen von "I`m Deranged" zum besten, rocken Rammstein ("Rammstein", "Heirate Mich"), Marilyn Manson ("Apple Of Sodom", "I Put A Spell On You") und Nine Inch Nails heftigst ab, während die Smashing Pumpkins mit dem säuselnden "Eye" einen ebenso sanften Gegenpol dazu bilden wie Barry Adamson mit seinen bluesigen Themen und eben Angelo Badalamenti mit seinen teils jazzigen ("Red Bats With Teeth"), teils sphärischen Synthie-Cues ("Police"). Daß der Sondtrack dennoch eine geschlossene Einheit bildet, liegt auch daran, daß die Stücke allesamt nahtlos ineinander übergehen , daß der Hörer ebenso wie der Zuschauer im Kino durch die verschiedenen emotionalen Dimensionen der erzählten Geschichte geführt [wird]. David Lynch hat eine sehr enge Beziehung zur Musik und setzt sie dementsprechend sehr bewußt in seinen Filmen ein. "Ich bin über die Malerei zum Film gekommen, und ich glaube, man kann sagen, daß ich über die Tongestaltung zur Musik gekommen bin. Als Maler hatte ich immer bestimmte Töne im Kopf, um mir die Stimmung für ein Bild vorzustellen" meint David Lynch, der viele der Musikstücke in seinen Filmen schon vor Drehbeginn aussucht. "Irgendwann möchte ich gerne so gut wie alle schon vorher ausgesucht haben, denn häufig schickt mir der Tonmann beim Drehen die Musik durch die Kopfhörer, und zwar so, daß ich als einziger gleichzeitig die Schauspieler ihre Dialoge sprechen hören und der Musik lauschen kann. Dann kann ich kontrollieren, ob die Stimmung der Dialoge mit der Musik übereinstimmt. Selbst bei Szenen, in denen nichts gesprochen wird, kann man sich, indem man der Musik zuhört, davon überzeugen, ob die Sache funktioniert oder nicht." Da der Soundtrack zu "Lost Highway" schon seit dem 10. Februar im Handel erhältlich ist, kann man sich bereits vorab von der hohen Qualität der Musik zum Film überzeugen, um sich anschließend vielleicht einmal mehr von David Lynchs verstörend-eindringlichen Bildern verführen zu lassen. Dirk Hoffmann |