Tip Zürich, 1999

«THE STRAIGHT STORY»
Rasentraktor-
Odyssee

Nach dem ebenso verdienten wie grossen Erfolg von «Blue Velvet» 1986 drohte David Lynch zu einer Parodie seiner selbst zu verkommen: Nicht überdreht genug konnten die Figuren von «Wild at Heart» (1990) bis «Lost Highway» (1995) sein, nicht laut genug die Tonspur, nicht bizarr genug die Gewalttaten.

Doch jetzt kommt dieser mittlerweile 53-jährige Mann aus Missoula, Montana, und erzählt eine ganz einfache, schnörkellose Geschichte, die auf einer wahren Begebenheit beruht: 1994 fuhr der 73-jährige Alvin Straight von Laurens im Staate Iowa nach Mount Zion, Wisconsin, um sich mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Lyle zu versöhnen, mit dem er mehr als zehn Jahre lang nicht mehr gesprochen hatte. Chauffieren lassen wollte sich Alvin von niemandem, doch er sah zu schlecht, um selbst Auto zu fahren, weshalb er die Strecke von mehreren Hundert Kilometern auf seinem Rasentraktor Marke John Deere hinter sich brachte. Mehr als sechs Wochen lang war Alvin Straight unterwegs.

Der neue Film von David Lynch beginnt mit dem sternenübersäten Nachthimmel – mit eben diesem Bild hatte «The Elephant Man» (1980), Lynchs bisher emotionell wärmstes Werk, geendet, und wie der Regisseur im nebenstehenden Interview sagt, haben die beiden Filme gefühlsmässig miteinander zu tun. Wie sich im Lauf des Films herausstellt, hat das Betrachten der Sterne die Brüder Straight miteinander verbunden. Verbundenheit ist überhaupt das Thema von «The Straight Story», und so einsam Alvin auf seinem Aufsitzmäher scheint, er begegnet allerlei Menschen – einer schwangeren Ausreisserin, einer Frau, der ständig Hirsche ins Auto laufen, und zanksüchtigen Mechanikern, die sich von ihm anrühren lassen.

So gut all diese Darstellerinnen und Darsteller (inklusive Sissy Spacek als Alvins Tochter) sind, zum Ereignis macht den Film sein 78-jähriger Hauptdarsteller Richard Farnsworth. Entgegen manchen Gerüchten tritt hier nicht ein Stuntman zum ersten Mal als Schauspieler in Erscheinung: Für seine Rolle 1977 in Alan J. Pakulas «Comes a Horseman» war Farnsworth für den Oscar nominiert worden, und 1983 erhielt er dessen kanadisches Gegenstück für seine Darstellung eines Gentleman-Banditen in «The Grey Fox».

Lynch vertraut auf Farnsworths zerfurchtes Gesicht, die Kraft der Geschichte, die wunderschönen Herbstlandschaftsbilder von Kameramann Freddie Francis und den von Country-Fiddles geprägten, sehnsüchtigen Soundtrack Angelo Badalamentis. Wer «Wild at Heart» besonders geil fand, wird «The Straight Story» scheisslangweilig finden. Für andere ist diese Geschichte im Schildkrötentempo David Lynchs bester Film seit «Blue Velvet» und ganz bestimmt sein rührendster.

 

 

«THE STRAIGHT STORY»

Ganz einfache Bilder
DAVID LYNCH ÜBER SEINEN NEUEN FILM, SEINEN NEUEN STIL UND SEINE SUCHE NACH NEUEN IDEEN.
Interview: Patrick Roth

«The Straight Story» ist die Geschichte eines alten Mannes, der auf seinem Rasenmäher im Schneckentempo quer durch ein paar US-Staaten tuckert, um seinen Bruder noch einmal zu sehen. Viele hätten gesagt: Das kann kein David-Lynch-Film sein.
Und ich hätte ihnen zugestimmt. Meine Partnerin, Mary Sweeney, die auch meine Filme schneidet, las die Geschichte – es ist eine wahre Geschichte – in der «New York Times». Das war 1994, glaube ich. Und sie erzählte mir natürlich davon. Irgendwie hat mich das nicht interessiert. Aber als ich dann das fertige Drehbuch las, das sie mit John Roach geschrieben hatte... Ich las mich langsam rein. Bevor ichs wusste, war ich dabei, das Geschriebene in Bilder zu übersetzen. Ganz einfache Bilder waren es, die ich sah. Ich sah Sommer und flaches Land, wo alles begann... sah den Regen, die kälteren Regionen, sah es hügeliger werden... Und durch all das hindurch: diese einfachste aller Figuren, Alvin Straight. Diesen alten Mann, der nur noch auf Krücken gehen kann. Und der ein Problem hat. Er ahnt, dass er bald sterben wird, und will seinen Bruder noch einmal sehen, von dem ihn 320 Meilen trennen. Und Alvin löst das Problem. Ganz einfach. Diese Einfachheit, diese einfachen Gefühle, die auch im Drehbuch zum Ausdruck kamen, haben mich überzeugt. Man wird ganz sanft gezwungen, dieser Geschichte zu folgen. Und bei jeder ihrer Stationen kommt eine Art ruhiges Verstehen hinzu. Vielleicht wird man selbst ruhig dabei – und verständig, wie Alvin. Man verliebt sich in solche Sachen.

Erwartungen, die ein typisches «Lynch-Publikum» haben könnte, tangieren Sie nicht?
Sie haben Recht, dass man von aussen natürlich mit bestimmten Erwartungen auf mich zukommt. Aber das ist alles Unsinn. Wenn man genau hinsieht, sind es immer nur Geschichten, bestimmte Aspekte einer Sache, bestimmte Kleinigkeiten, in die ich mich verliebe und die ich in Bilder umzusetzen versuche. Ich finde zum Beispiel, dass «The Straight Story» in gewisser Hinsicht emotionale Parallelen zu «The Elephant Man» aufweist. Vielleicht wird das vielen entgehen. Macht nichts. Der Film über Alvin Straight kann ganz für sich stehen. Ich denke nicht in «Themen» – das sind Erfindungen der Kritiker. Ich habe Ideen.

 
Wie oft haben Sie solche Ideen, aus denen dann Filme werden?
Tja, manchmal kommt gar nichts. Völlige Stille. Man wird unruhig und etwas verzweifelt – und die Suche wird elektrisch aufgeladen. Plötzlich entlädt sich etwas, eine Idee schlägt ein. Das heisst, dass mein nächster Film wieder ganz anders aussehen kann. Je nach Stoff. Und es heisst auch, dass ich augenblicklich keine Ahnung habe, wie er aussehen wird. Und das ist vielleicht ganz gut so.

Wie kamen Sie auf Richard Farnsworth – der wirklich die ideale Besetzung für diese Rolle zu sein scheint?
Man hatte eine Reihe von Namen schon ganz früh ins Spiel gebracht. Aber Richard Farnsworth war der Einzige, den ich – wenn ich den Film in Gedanken vor mir ablaufen liess – in jeder Szene richtig fand. Sein Gesicht, diese grosse einfache Seele, kommt so klar rüber, wenn die Kamera ihn zu filmen beginnt. Irgendwie bringt ers fertig, sein Inneres ganz nach aussen treten zu lassen. Seine Ruhe, Weisheit und Erfahrung färbt dann alles, färbt die Sprache, mit der er dich anspricht, färbt das Erzählte. Und man glaubt ihm alles. Ich glaube ihm alles. Man steht neben der Kamera und kann kaum mehr «Cut!» rufen – so wunderbar ist es, wenn man ihm zuschaut. Das muss man erlebt haben.

Ganz und gar unwirklich dagegen fand ich, wie Sie den Nachthimmel aufgenommen haben, zu dem Alvin ab und zu aufschaut. Sie haben statt des wirklichen Himmels ein Starfield verwendet, wie mans als Screensaver bei Computern kennt. Da bewegen sich die Sterne, als führen wir durchs All.
Ja, das war ein Problem. Wir haben den wirklichen Nachthimmel einige Male aufgenommen. Aber der lässt sich einfach nicht gut filmen. Mit anderen Worten: Der sieht nicht so aus, wie Sie ihn sehen. Wenn Sie bei Nacht z. B. in der Wüste liegen, flach auf dem Rücken, und hochschaun, dann ist es manchmal, als bewege sich das alles, als fielen Sie in dieses Sternenreich hinein. Man wird hypnotisiert von diesem Anblick. Und das ist es, was ich sehen wollte, was sich aber nicht richtig filmen liess. Deshalb hab ich mich für das Starfield entschieden, das uns das Gefühl gibt: Wir fallen, treiben langsam durchs All, wie in einem Traum.

 
Sie sprachen vorhin davon, dass sich kreativ bei Ihnen augenblicklich nicht viel bewegt…
Nein, das haben Sie vielleicht falsch verstanden. Ich bin auf der Suche. Das heisst aber nicht, dass ich mich täglich mit anderen Künstlern oder Regisseuren treffe und in Cafés rumhänge. Ich zähle mich eher zum häuslichen Typ. Zu Hause hab ich z. B. meine Schreinerwerkstatt – manchmal wird aus einer Idee einfach ein Möbelstück. In einem anderen Raum habe ich ein Atelier, wo ich an Bildern male, und ein Musikstudio. Ich halte mich pausenlos beschäftigt, lese Bücher, Drehbücher – und warte. Bis ich mich plötzlich in etwas verliebe.

Frustration kommt während dieser Wartephasen nie auf?
Doch, doch. Ich wünsche immer, die Ideen kämen mir mit der Zeit leichter, fügten sich leichter zusammen, je älter ich werde. Aber das scheint nicht der Fall zu sein. Und zu bestimmten Tageszeiten denke ich an den Tod.

Wie meinen Sie das?
Das ist schon immer so gewesen. Man wandert einen Gedankenpfad entlang – und manchmal kommt gerade aus der grössten Dunkelheit was Elektrisches geschossen. Die Angst vor dem Tod ist eigentlich nicht da. Wenn ich meine Augen schliesse – ich glaube, das geht jedem so –, dann kommt eine zeitlose Stimmung auf. Ich weiss dann: Ich bin zeitlos. Letztlich zeitlos, wie wir alle.